07.09.2009 | Kategorie: national , international , 2009

Er wird uns fehlen - Abschied von Enno Harms

Am 29. August 2009 hat es in Hannover ein Familientreffen des adh gegeben. Aber es ging dort gar nicht um den adh selbst, sondern um einen der großen Impulsgeber, die diesen kleinen Sportverband zu dem gemacht haben, als den wir ihn seit langem kennen und schätzen.

Und der Anlass war ein trauriger: Enno Harms ist von uns, oder, wie eine weisere Formulierung lautet, er ist vor uns gegangen. Mitte August ist er gestorben. Seit vielen Jahren schon hing das Damoklesschwert seiner gesundheitlichen Gefährdung über ihm. Aber es sah lange Zeit danach aus, als habe er den Abwehrkampf erfolgreich bestanden. Seit dem vorigen Jahr aber wusste er, dass seine Frist nun doch bald ablaufen würde. Er hat sich selbst und seine nähere Umgebung auf das bevorstehende Ende vorbereitet in der nüchternen, ja unsentimentalen und unerschrockenen Art, die wir alle an ihm gekannt und geschätzt haben. Nun ist dies Ende eingetreten. Und wir sehen traurig und eigentlich sprachlos auf den Platz, den er über viele Jahre so ideenreich und kraftvoll ausgefüllt und den er nun für immer verlassen hat. Der gemeinsame Abschied, zu dem am 29. August seine Familie, die Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen und eben auch weite Teile des adh zusammengekommen sind in einem Stil, der ihm gefallen hätte, hat seine Leistungen auf der lokalen, auf der nationalen und internationalen Ebene ebenso in treffenden und eindrucksvollen Worten und Bildern in Erinnerung gerufen, wie er die Persönlichkeit des Menschen Enno Harms überzeugend gewürdigt hat. Mir bleibt an dieser Stelle nur, in wenigen Abschiedsworten aus Verbands- und aus meiner persönlichen Sicht an ihn zu erinnern und deutlich zu machen, dass die Lücke, die er hinterlässt, nicht nur schwer wird „ausgefüllt“ werden können, wie man immer sagt, sondern überhaupt nicht. Enno Harms war unverwechselbar und einmalig. Gerade deshalb werden wir ihn nicht vergessen.
Dieser Abschied fällt sehr schwer. So wie der Abschied von all denjenigen aus meiner Generation in den vergangenen Jahren, deren Leben eigentlich noch lange nicht einmal annähernd erfüllt war und an die ich in diesem traurigen Moment erinnern möchte. Jürgen Fechler, Erhard Buchholz, Dorothea Scheel, Reinhard Daugs, und nun Enno Harms: Immer länger wird die Reihe derjenigen Verantwortungsträger/innen unseres Verbandes, die weit vor der Zeit von uns gegangen sind. Sie alle haben einen für sie wie für uns wichtigen und großen Teil ihres verkürzten Lebens für die große Sache des Sports und für die Sache unseres kleinen Verbandes gegeben. Wir sind ihnen dafür zu sehr großem Dank verpflichtet. Aber was heißt schon „verpflichtet“: Wir können uns glücklich schätzen, dass sie mit uns gewesen sind und dass sie unser Zusammenleben und Zusammenwirken so über die Maßen bereichert haben.
„Du kennst doch Enno!“ Sogar aus der Einladung, die ich zum Abschiedstreffen in Hannover erhalten habe, klang dieser Ton heraus. Ausdruck von großem Respekt, nicht zuletzt auch von einem Schmunzeln über manche Eigenheit. Wer immer im adh etwas vorhatte, kam nicht leicht vorbei an dem hartnäckigen Nachfragen, an der Energie und Beharrlichkeit, ja auch an der Detailversessenheit, mit der Enno seine Ziele verfolgte und für seine Vorstellungen einstand. Und das war gut so. Denn er lag so oft so verdammt richtig mit dem, was er wollte. Wir haben uns immer wieder daran orientieren können. Dabei war er spürbar uneitel, hat kaum nach rechts oder links um sich geblickt und nach Zeichen gesucht, ob sein Einsatz für dies oder jenes gerade besonders gut ankommt oder nicht. „Wat mutt dat mutt“, hätte, wie man in meiner norddeutschen Heimat sagt, seine Standarddevise lauten können, obwohl er fremdsprachlich mehr im Französischen als im Plattdeutschen zuhause war.
Nur einige wenige Stationen seines langjährigen Wirkens für uns, dem er seinen unverwechselbaren Stempel aufgeprägt und mit dem er die Arbeit des Verbandes nach innen ebenso wie dessen Wahrnehmung und Wirkung draußen verändert hat, seien in Erinnerung gerufen: Von 1973 an gehörte Enno, mit mehrfachen Unterbrechungen, zunächst als Studierenden-, dann als Hauptamtlichen-Vertreter dem Vorstand des adh an, seit 1996 bis heute dem Gesamtvorstand, der sich heute Verbandsrat nennt. Allein dies ist bereits Ausdruck eines einmaligen Engagements und ebenso eines unerschütterlichen Vertrauens der Mitgliedschaft des Verbandes in seine Führungsqualitäten. Die 15 Jahre, die ich selbst als „Rekordhalter“ im Hinblick auf ununterbrochene Vorstandstätigkeit aufzubieten habe, nehmen sich daneben mehr als bescheiden aus. Darüber hinaus seien exemplarisch nur als wichtigste weitere Verantwortlichkeiten festgehalten: zahlreiche Führungsaufgaben als Mitglied des Exekutivkomitees der FISU bzw. als Chef de Mission von adh-Mannschaften bei Universiaden und Studierenden-Weltmeisterschaften sowie die mehrjährige Präsidentschaft in der EUSA, des Europäischen Studierendensport-Verbandes. adh bzw. EUSA haben seine jahrzehntelangen unvergleichlichen Verdienste mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft bzw. Ehrenpräsidentschaft gewürdigt. Lokaler Ausgangspunkt und Kraftquelle all dieses nationalen und internationalen Wirkens war der Hochschulsport in Hannover, den er seit 1975 geleitet und dem er zahllose Entwicklungsimpulse vermittelt hat. Der adh hat die vorbildlichen Leistungen dieser Zentralen Einrichtung gewürdigt, indem er im Jahr 2008 die Universität Hannover zur Hochschule des Jahres gekürt hat.
Enno hat, das darf man abschließend voller Respekt in Erinnerung rufen und auch so ausdrücken, sich auch deshalb um unsere Sache verdient gemacht, weil er eine Rolle angenommen hat, die dem bei uns üblichen Habitus eher fremd war: die eines Zuchtmeisters. Auf der politischen Ebene des zwischenstaatlichen Verkehrs würde man diese seine selbstgewählte Rolle als die eines „freundlichen Hegemons“ beschreiben. Ich spreche jetzt einmal aus meiner ganz persönlichen Erfahrung: Er war unerbittlich, wenn er als wichtig und dringlich erkannt hatte, worüber wir großzügig, nonchalant oder fahrlässig hinweggesehen hatten. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: die Einsicht, dass es mit den Verbandsfinanzen mittelfristig bergabgehen würde, ohne dass wir gegengesteuert oder es auch nur bemerkt hätten. Er war zwar im persönlichen Umgang alles andere als humorlos. Aber in sachlichen und Arbeitszusammenhängen konnte er einen sehr „humorlos“ daran erinnern, was die Stunde geschlagen hatte. Und wer das nicht zu schätzen wusste, wurde sicher nicht sein bester Freund. Zugleich ließ er aber auch kaum Situationen entstehen, die bei aller Meinungsverschiedenheit in einen offenen Konflikt hätte münden können. Alle, die beim Abschied in Hannover über ihn gesprochen haben, legten besonderen Wert auf ebendiese Feststellung: Probleme unmissverständlich deutlich ansprechen, aber die damit verbundenen Konfliktpotentiale konstruktiv und produktiv managen – dies beides zusammengenommen war seine ganz besondere Stärke.
Eben so, als wollte er stets seinem Markenzeichen treubleiben: „Du kennst doch Enno!“ Haben wir ihn wirklich gekannt? Jedenfalls werden wir nun ohne ihn auskommen müssen, ohne sein energisches Fordern, ohne seine ermutigenden Anstöße und sein kritisches Urteil, ohne sein ausgleichendes Handeln und Verhandeln. Ja, ich sage es mit Bedacht: ohne das Vorbild, das er für uns in vieler Hinsicht sein konnte. Aber wir werden ihn in nachhaltiger Erinnerung behalten. Und ein Vorbild kann auch noch dann wirken, wenn es nur noch in unserer Erinnerung lebt.

 

Sven Güldenpfennig