23.08.2004 | Kategorie: Archiv , 2004 ,

Ungewissheit über Soll und Haben - Halbzeit bei Olympia

In der Halbzeitbilanz der Sportfunktionäre wird Kritik laut. Sporthilfe-Vorsitzender Grüschow fordert eine konzeptionelle Überprüfung des deutschen Spitzensports.

''Im Wechselbad der Gefühle '' Am Tag, als mit Otto Schily der staatliche Oberaufseher über den Hochleistungssport seine Athen-Visite begann, war der Ausgang des Unternehmens Olympia noch völlig offen. Mit der Aberkennung der zwei Olympiasiege für die Vielseitigkeitsreiter und dem Gewinn von fünf Goldmedaillen am Wochenende ging das deutsche Team durch ein Wechselbad der Gefühle. Begleitet wurde das Auf und Ab durch Streit der Funktionäre und ein sportpolitisches Grummeln, das zum Ende der Spiele noch heftige Auseinandersetzungen erwarten lässt. ''Besser als in Sydney'' Mit acht Gold-, neun Silber- und elf Bronzemedaillen lag die deutsche Mannschaft nach 145 von 301 Entscheidungen trotz des doppelten Gold-Abzugs an fünfter Stelle des Medaillenspiegels und damit vier Ränge besser als zur vergleichbaren Zeit vor vier Jahren in Sydney. Dennoch wird bei Bundesinnenminister Schily die Freude über die Halbzeitbilanz nicht ungeteilt sein. Nur 76 Starter erfüllten das Nominierungskriterium der Endkampfchance (Plätze 1 bis 8), 87 verfehlten es zum Teil krass. Das könnte Schily in seiner Ansicht bestärken, dass seine Fördermittel von 119 Millionen Euro in diesem Jahr nicht optimal eingesetzt wurden. Ins Auge fiel der eindrucksvolle Schlussspurt der offenbar zu spät in Form gekommenen Schwimmer, die es immerhin noch auf eine Bilanz von einer Silber- und vier Bronzemedaillen gebracht haben, sowie der Fehlstart der Leichtathleten. Mit 78 Wettbewerben haben die beiden Kernsportarten einen überragenden Anteil am Programm der 301 Medaillen-Konkurrenzen. '' Ziele in Nationenwertung nicht erreichbar'' 'Wir sind im Soll', sagt NOK-Präsident Klaus Steinbach. Dabei ist unklar, wie dieses Soll zu beschreiben ist. Er visiert Platz fünf der Nationenwertung an. Bereits am Samstag war der im deutschen Sport für den Hochleistungssport verantwortliche DSB- Vizepräsident Ullrich Feldhoff eingeknickt und hatte seine Vorgabe um einen Platz auf vier im Wettkampf der Nationen geändert. Damit wich er von seinem Chef Manfred von Richthofen ab. Der DSB-Präsident verteidigte aus seinem Urlaubsort im Allgäu unverdrossen die Zielsetzung von Platz drei mit dem Argument: Eine hohe Zielsetzung sei angemessen, schließlich handele es sich um Leistungssport. ''Es knistert in Führungsriegen'' Innerhalb des deutschen Teams hat sich Feldhoff vor allem den Zorn von Christa Thiel zugezogen. Mit den Worten, 'einige der Sportführer Deutschlands konnten es nicht abwarten. Aber wir haben sie Lügen gestraft', kanzelte sie besonders den DSB-Vizepräsidenten ab. Die Schärfe der Auseinandersetzungen dürfte in den letzten Athener Tagen noch zunehmen. Dann geht es auch um Prinzipielles. Einen Vorgeschmack darauf hat Hans-Ludwig Grüschow als Sporthilfe-Vorsitzender mit den Worten gegeben: 'Ich bin der Meinung, der gesamte deutsche Spitzensport muss konzeptionell in eine Überprüfung gehen und sicherlich eine Reihe von Weichen völlig anders stellen.' Quelle:www.zdf.de