Die Halle 21 an der Deutschen Sporthochschule in Köln tobte: laute Musik, phantastische Stimmung dank eines disziplinierten Fachpublikums, das aus dem Applaudieren gar nicht herauskam – Deutsche Hochschulmeisterschaft Gerätturnen 2013. Das Interesse der jungen Studierenden am Gerätturnen boomt. Meldeergebnisse jenseits der 400 Teilnehmer und Teilnehmerinnen lassen die Ausrichter rotieren. Dennoch war für Dominik-Merten Schreeck, Christine Minh Chau, Katharina Skultety und Katharina Christel Sternal von der Deutschen Sporthochschule Köln schnell klar, dass sie nicht nur als Aktive dabei sein wollen, sondern die Meisterschaften der besonderen Art erneut – nach 2006 – wieder an der Deutschen Sporthochschule in Köln erleben wollten – als Aktive und als Ausrichter. In Dr. Norbert Stein, dem Leiter des Hochschulsports an der DSHS, hatten sie einen versierten Berater, der das Eventmanagement des jungen Teams unterstütze und quasi als back-up für alle Fragen Antworten fand.
Sportfachlich waren die beiden Wettkampftage hochkarätig, das würdigte auch Charly Held, langjähriger Disziplinchef Gerätturnen im adh, der sehr gerne die Einladung der Veranstalter angenommen hatte und im Innenraum verfolgte, wie die Universiadeteilnehmenden ihre Nominierung durch hochklassige Leistungen an den Bänfer-Geräten unter Beweis stellten. Aber ein Universiadeteilnehmender macht noch keine Mannschaftsleistung. Sechs Aktive gehören zum Team, vier dürfen ans Gerät, die besten drei Wertungen bilden das Ergebnis, so ist der Modus bei der DHM und auch im adh-Cup.
Was bereits im Vorfeld viel Spannung versprach, nämlich die Entscheidung in der Deutschen Hochschulmannschaftsmeisterschaft der Studierenden, entpuppte sich als sehr knappe Angelegenheit. 0.65 Punkte entschieden über die Meisterschaft, und das bei einer Mannschafsleistung von über 238 Punkten!
Der Deutsche Hochschulmannschaftsmeister 2013 heißt: WG Köln. Vizemeister wurden die Herren von der TU Chemnitz, die mit nur vier Männern an den Start gegangen waren. Rang drei belegten die Männer aus München.
Für das Publikum und insbesondere auch für die Kampfrichter an den Ringen war es bedauerlich, dass das Ringegerüst in der Nebenhalle aufgestellt war. Jedoch ist es bei den hier wirkenden Kräften nicht möglich, eines der zu verspannenden Geräte – sei es der Stufenbarren, das Reck oder auch die Ringe – „frei“, also ohne Bodenanker und nur mit Zementsäcken gesichert, aufzubauen. Die Herren Kampfrichter nahmen es mit Humor, die Turner ebenfalls, das Publikum hatte so die Chance, seine Mobilität von der einen zur anderen Halle unter Beweis zu stellen. Apropos Kampfrichter: im Meldegeld zu den Meisterschaften ist jetzt bereits seit einigen Jahren eine Kampfrichter“gratifikation“ enthalten. Die Teams, die eine/n Unparteiische/n mit melden, sparen 100 Euro. An den Wettkampfgeräten sitzt dann jeweils ein/e neutraler Kampfrichter/in, diesmal aus dem Rheinischen Turnerbund und auch aus dem Niedersächsischen Turnerbund, alle weiteren Punktrichter kommen direkt von den Teams. Pikantes Detail: Matthias Bramkamp, der Chef der Kampfrichter an diesem Wochenende, hatte nach der Kampfrichterbesprechung den Anzug mit dem Trikot getauscht und sich durch hervorragende Leistungen in die Finals geturnt. Natürlich saß er beim Wettkampf dann nicht am Kampfrichtertisch.
Bei der Entscheidung der Damen in der DHM hatten die Königinnen die Nase vorn, die Königinnen aus Karlsruhe. Die dortige Wettkampfgemeinschaft tritt seit Jahren mit dem Markenzeichen „Krone“ auf, diesmal auch noch – nach der Entscheidung – durch die adh-Nadel in Gold geschmückt. Der Vizemeister waren die Ausrichterinnen des vergangenen Jahres, die Universität Heidelberg, ebenfalls auf dem Treppchen standen die Ausrichter 2013, die WG Köln. Sie erhielten von Julia Beranek, die als Vertreterin des adh-Vorstands vor Ort war, die adh-Nadel in Bronze und von Dr. Norbert Stein, adh-Disziplinchef Leichtathletik, die obligate Flasche Sekt zum Feiern. Ganz besonders respektabel war in der Entscheidung der Damen das Meldeergebnis von elf Teams. Durch die an die Liga-Wettkämpfe angepasste Ausschreibung bei der DHM stellen sich zunehmend mehr Mannschaften dieser Deutschen Meisterschaft der Studierenden.
Aus der jeweiligen Mannschaftsleistung wurden dann auch gleichzeitig die Deutsche Hochschulmeisterin und der Deutsche Hochschulmeister ermittelt. Die ersten Sechs wurden jeweils gemeinsam – Studentin und Student – nach vorne gebeten. Hier zeigt es sich, wie charmant und wertschätzend die Aktiven miteinander umgehen, eine Augenweide! Als Alina Rothaardt (Uni Heidelberg) und Fabian Hambüchen (Deutsche Sporthochschule Köln) als unbestrittene Sieger 2013 geehrt wurden, warf sich das Männerteam der WG Köln dem Deutschen Hochschulmeister zu Füßen. Und da ertönte sie zum ersten Mal, die Hymne für Fabian Hambüchen: Sex Bomb … . Sie sollte dann in den Finals noch mehrmals zu hören sein, um genau zu sein, bei fünf der sechs Finals. Denn bis auf am Pauschenpferd war Fabian Hambüchen erneut eine Klasse für sich.
Gegen 20 Uhr standen nach der Siegerehrung auch die Final-Teilnehmende für den Samstag an den zehn Wettkampfgeräten fest. Eine Aktive, die durch hervorragende Leistungen an den Einzelgeräten auf sich aufmerksam gemacht hatte, wurde jedoch weder bei der Siegerehrung aufgerufen noch für die Finals nominiert: Annabell Hölzer. Sie wäre aufgrund ihrer Präsentationen auf Rang zwei gekommen, aber musste außer Konkurrenz starten, da sie noch keine Studienbescheinigung vorweisen konnte.
„Unchristlich“ war die festgelegte Zeit für das Einturnen im ersten Durchgang beim adh-Cup am Samstagmorgen. Bereits um 6.30 Uhr gingen circa 100 Aktive an die Geräte und turnten sich langsam wach. Dank eines Obmannes von der Uni in … nein, welche Uni er repräsentierte, das wird hier nicht verraten, wird das frühe Einturnen 2014 von den Herren übernommen werden, die 2013 noch bis 14 Uhr Zeit hatten, sich von der Fete des Vortages zu erholen. - Ein so großes Starterfeld wie im adh-Cup kann nur mit einem doppelten Kampfgericht bewältigt werden. In diesem Jahr wurde es so gelöst, dass jeweils zwei Aktive eines Teams beim Kampfgericht A und zwei beim Kampfgericht B starteten. So konnten eventuelle Differenzen im Blick der beiden Kampfgerichte fair, weil für jedes Team gleich, gehandelt werden. Im adh-Cup sind die Anforderungen bewusst einfacher gestaltet. Hier wird auch eine Sprunghocke honoriert, auch wenn andere im gleichen Wettkampf einen Tsukahara zeigen. Das Publikum feuerte alle Aktiven an und ging emotional genauso mit wie bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften am Vortag. Mehrmals musste darauf hingewiesen werden, dass die Fluchtwege auf der Tribüne freizuhalten seien, so groß war das Interesse an der Veranstaltung. Auch auswärtige Besucher lösten u.a. bei Fabian Hambüchen die Eintrittskarte, um diesen vielfältigen Wettkampf erleben zu können. Hedy Richter, Dozentin an der Deutschen Sporthochschule Köln, konnte sich insbesondere beim Durchgang der Herren an den traditionellen Elementen gar nicht sattsehen: ob Drehhocke am Barren oder halber Riese am Reck – teilweise korrespondierte auch die Turn-Kleidung (dunkle Kniestrümpfe…) mit den Elementen von anno dazumal.
Den adh-Cup bei den Frauen gewann das Team der WG Köln vor der WG Karlsruhe und der WG Erlangen-Nürnberg. Die jungen Damen vom Turn-Team Toyota Köln, die vor der Siegerehrung ihr Können auf der Air-Track-Bahn unter Beweis stellten, durften die Entscheidung bei den Damen mitten unter den Aktiven erleben, denn alle adh-Cup-TeilnehmerInnen saßen auf der Bodenfläche, ebenso wie die Nachwuchsturnerinnen, deren Leistungen mit tosendem Applaus belohnt wurden.
Die Entscheidung bei den Herren im adh-Cup wurde erst am Abend im Rahmen der Pasta-Party bekannt gegeben, ansonsten hätte sich das Finale an den zehn Geräten länger als drei Stunden hingezogen. Die Herren der WG Karlsruhe holten den Cup. Die zweitplatzierten Münchner hatten buchstäblich die Lederhosen an bei der Siegerehrung und taten es damit ihren Damen gleich, die sich standesgemäß ins Dirndl geschnürt hatten. Rang drei belegten die Herren aus Dresden.
Statt sich womöglich in den Finals zu schonen, zeigten die Aktiven ihr schwierigstes Programm. Helge Liebrich, PH Schwäbisch-Gmünd, der mittlerweile ca. 38 Stunden schlaflos die Meisterschaften verfolgt hatte, verletzte sich am Pauschenpferd am Finger, ging jedoch erneut ans Gerät und verzichtete auch nicht auf seinen Start am Reck. Lazar Bratan, PH Karlsruhe, ist seit Jahren bereits Lehrbeauftragter für Gerätturnen am Karlsruher Institut für Technologie. Jetzt, da er erneut ein Studium aufgenommen hat, konnte der über 40jährige eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass er noch immer mit den Jugendlichen mithalten kann. Sowohl am Sprung als auch am Barren war er mit im Gerätefinale. Die Entscheidungen waren zum Teil sehr knapp – insbesondere bei den Damen am Boden. Dort kamen gleich drei Aktive punktgleich auf Rang drei. Die Platzierungen waren jedoch für die Aktiven zweitrangig. Vielmehr war es die Art, wie die Finalisten von ihren Teams unterstützt wurden, die die Abendveranstaltung ausmachte. Ein kleines Beispiel: als Jakob Glück von der WG München am Sprung anlief, standen seine Teammitglieder in Dirndl und Lederhosen an der Anlaufbahn quasi Spalier.
Alle diejenigen, die die Deutschen Hochschulmeisterschaft Gerätturnen das erste Mal erlebt hatten, waren beeindruckt von der Atmosphäre und der Stimmung sowie der Disziplin. Ob das Team von Eurosport, das Aufnahmen und Interviews gemacht hat, das lokale Fernsehteam vom Campus-TV oder Dr. Jürgen Lahrs, Vorsitzender des Turnverbandes Köln, der die Computer für die Auswertung bereit gestellt hatte – es sind eben Deutsche Meisterschaften der ganz anderen Art, jung, studentisch und voller individueller Ideen und Höchstleistungen.
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