Unser Brückenbaumeister ist gegangen.
Abschied von Günter Eglin
(6.6.1939 – 3.8.2012)
Es ist nicht lange her, dass zwei der großen Impulsgeber, die diesen kleinen Sportverband zu dem gemacht haben, als den wir ihn seit langem kennen und schätzen, für immer aus unserem Kreis geschieden sind. Vor drei Jahren war es Enno Harms, erst in diesem Jahr Christian Wopp. Auch Manni Hahn aus Münster, der immer eine buchstäblich gewichtige Stimme im adh war, möchte ich hier nicht vergessen. Und nun Günter Eglin. Die Trauer überwältigt mich. Ich suche mühsam nach einigen tröstenden Worten, die uns über dieses Abschiednehmen-Müssen hinweghelfen können.
Der Student Günter Eglin war Präsident des adh, als dieser jugendbewegte Verein einen solchen Titel noch nicht anstößig fand. Er war Vizepräsident des Weltverbandes FISU bis in eine Zeit hinein, in der sein „Heimatverein“ begann, sich immer weniger mit den Attitüden und Machenschaften mancher internationaler Verbandsfürsten abfinden zu wollen. Er hat geduldige und nachhaltig erfolgreiche Auf- und Umbauarbeit im eigenen Haus des Darmstädter Hochschulsports ebenso wie in der hessischen und im Zuge des deutschen Vereinigungsprozesses auch in der thüringischen Nachbarschaft geleistet. Nicht zuletzt mit diesem Wirken an der Basis der Sportentwicklung hat er maßgeblich die Erweiterung des klassischen studentischen Wettkampfsports zum alle Mitglieder der Hochschule und alle weiten Bereiche des Sports umfassenden Hochschulsport in der Bundesrepublik Deutschland mitgetragen. Mit diesem Wirken war er eine bekannte und allseits respektierte Persönlichkeit des deutschen und internationalen Sports insgesamt.
Doch: Das sind dürre Worte. Wegmarken eines fruchtbaren Lebens zwar. Aber doch nicht ausreichend, um zu ermessen und wirklich verstehen zu können, was Günter Eglin für uns bedeutet hat. Ich will versuchen, etwas tiefer zu graben, um näher an den Kern seiner bleibenden Bedeutung für uns heranzukommen.
Der adh, der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband, wie wir ihn heute kennen, ist nicht zuletzt ein Kind der irgendwann doch erwachsen gewordenen Studentenbewegung der 1960er Jahre. Als dieser adh sich selbst erfand, war die adh schon da, die Arbeitsgemeinschaft der Hochschulsportreferenten, die im Jahr 1948 als studentische Schöpfung gegründet worden war. Die Brücke zwischen den zwei Leben dieses Sportverbandes war Günter Eglin. Er war sie, und er hat sie zugleich gebaut. Er war, wie gesagt, Präsident jener stolzen „Studentenverbindung“, aus der eine Reihe von namhaften Führungspersönlichkeiten des deutschen Sports wie der langjährige Generalsekretär und spätere Präsident des NOK für Deutschland, Walther Tröger, hervorgegangen ist. Und er hat dann die Kontinuität über den Aufbruch und teilweisen Bruch von „1968“ hinweg gewährleistet. Günter war die Personifikation dieser Kontinuität. Er baute die Brücke zwischen den Zeiten, als es in der allgemeinen Aufbruchstimmung auch hier Tendenzen gab, alle Brücken zum Hergebrachten und zum „Establishment“ – nicht zuletzt auch zum tradierten Sportverständnis – abzubrechen. Denn so wie der sagenhafte Janus hatte er die Gabe, gleichzeitig in zwei Richtungen, nach vorn und zurück, nach links und nach rechts zu blicken und auf diese Weise die aus diesen verschiedenen Richtungen kommenden Impulse aufzunehmen und möglichst fruchtbar miteinander zu verbinden. Er hat vermittelt zwischen dem Bewahrenswerten aus der Tradition und dem Zukunftsweisenden aus dem Aufbruch.
Diese Vermittlerrolle, nach innen innerhalb dieses Verbandes wie nach außen in die deutsche Verbändelandschaft und in den internationalen Studentensport hinein, hat Günter fortan verkörpert wie kein Zweiter. Ohne ihn hätte die Integration, die Amalgamation des „Alten“ mit dem „Neuen“ – insbesondere auch die Versöhnung der aufmüpfigen und dabei oft besserwisserischen Kinder von ’68 mit den skeptischen und oft misstrauisch-konservativen Bewahrern des Bewährten in den anderen Verbänden – kaum gelingen können. Und dabei war er selbst noch kaum älter als die Jungen, aber eben um manches besonnener als die hitzigen Weltsportverbesserer/innen unter uns. Dafür brachte er bereits die Erfahrung, das Wissen und – ja! – auch die überlegene Einstellung, die Gelassenheit des Älteren mit, welche erforderlich waren, um im Überschwang des Aufbruchs die größten Irrtümer und vielleicht irreparablen Schäden zu vermeiden und so den Impuls des Aufbruchs in konstruktive und zukunftsfähige Bahnen zu lenken.
So hat Günter uns durch die Gefahren von Skylla der Erstarrung und Charybdis des allzu unbedachten Neuerungswillens hindurchgesteuert. Für diesen Lotsendienst sind wir ihm zum allergrößten Dank verpflichtet. Er war die Figur des großen Bruders, an dem man sich orientieren und bisweilen auch reiben konnte, ohne dass es je zu Situationen der Unversöhnlichkeit gekommen wäre. Mit seinen Ingenieurkünsten des Brückenbaus hat er maßgeblich daran mitgewirkt, dass der Verband mit seiner ungestümen, vielfach auch begründeten Eigensinnigkeit in jener stürmischen Zeit nicht aus der Kurve geflogen und exkommuniziert worden – oder gar durch trotzigen Selbstausschluss in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, sondern in der großen Familie des Sports eine bis heute zunehmend konstruktive Rolle spielen konnte und kann.
Dies alles ist nun schon wieder recht lange her. Aber seine Spuren und Nachwirkungen kann man bis in den heutigen adh hinein beobachten. Und das ist gut so. Insbesondere erkennt man die menschliche Stärke von Günters auf Offenheit, Überzeugungskraft und konstruktive Problemlösung setzende Art noch immer in dem Kommunikationsstil unseres Verbandes wieder, indem hier bekannte Verfahren der kurzsichtigen Vorteilssuche und Intrige, der persönlichen Profilierungssucht und Machtdemonstration, der Konfrontation und Grabenkämpfe souverän und unbeirrt verweigert werden, womit er sich wohltuend von manchen Erscheinungen in seiner Nachbarschaft unterscheidet.
Lieber Günter! Diese stilprägende Kraft ist vielleicht das größte Erbe, das du uns hinterlässt. So verabschieden wir uns von dir, alter Freund. Es wird gut sein, sich an dein Vermächtnis zu erinnern. Auch wenn du dich, bereits gezeichnet von deiner tückischen Krankheit, schon länger zurückgezogen hattest und man auch ohne deinen weisen Rat hat Kurs halten müssen. Wir verneigen uns vor dir. Wo du nun viel zu früh, aber unwiderruflich von uns gegangen bist, möchte ich dir noch einmal die Worte nachrufen, mit denen ich mich selbst aus der direkten Mitverantwortung im adh verabschiedet habe. In meinem Abschiedsgedicht hatte ich dir den folgenden Gedenkstein gesetzt:
Auf dass man endlich doch begreife,
wo alles schwer sich tut,
steigt weiser Rauch aus Günters Pfeife –
und schon ist alles gut.
Das war es, was Günter Eglin für uns bedeutet hat. Wir können froh und stolz darauf sein, in seinem Kreis gewirkt zu haben.
