Richard Vorhammer bei der Jubiläums-Vollversammlung in München 1998

17.11.2009 | Kategorie: Wir über uns , 2009

Nachruf für Richard Vorhammer

Richard Vorhammer, der einzige Ehrenpräsident, den der adh je hatte (und vielleicht auch haben wird), ist nach langer, schwerer Krankheit am 20. Oktober 2009 in München verstorben. Er hätte nächstes Jahr am 3. April seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Ich durfte ihn Mitte der 90er Jahre kennen lernen, als wir das 50jährige Jubiläum des adh in München vorbereiteten. Der Aufbau des Hochschulsports nach dem Zweiten Weltkrieg war für Richard Vorhammer weitaus mehr als ein berufliches Engagement: Er war ihm Zeit seines Lebens eine Herzensangelegenheit. Deshalb verdankt der adh Richard Vorhammer unendlich viel. Vieles von dem, was den adh heute noch prägt, hat Richard Vorhammer nicht nur vorgedacht, sondern auch in die Tat umgesetzt.

So setzte er sich damals gegen die Vorstellungen der mächtigen Institutsdirektoren, von denen viele bereits während der Nazizeit die Institute für Leibesübungen leiteten, durch und baute die Arbeitsgemeinschaft deutscher Hochschulsportreferenten (AdH) mit Sportreferenten aus allen vier Besatzungszonen als reinen studentischen Verband auf. Dass die Gründungsfeier am 2. April 1948 in Bayrischzell nahtlos in den 28. Geburtstag von Richard Vorhammer übergegangen sein dürfte, können wir hier nur mutmaßen. Fest steht, dass Richard Vorhammer als erster Vorsitzender und ehrenamtlicher Geschäftsführer mit dem Auftrag gewählt wurde, eine Satzung zu erarbeiten.

Bereits ein halbes Jahr später legte er der Vollversammlung in Seeshaupt eine Satzung mit allen erforderlichen Ordnungen vor, deren Inhalte über die Jahre hinweg immer wieder überarbeitet und an die sich verändernden Erfordernisse angepasst wurden. In ihrem Gesamtgefüge hat die Satzung mit ihren Ordnungen über alle Irrungen und Wirrungen des Verbandes hinaus bis heute Bestand. Und eigentlich ist sie auf einer Schweizer Alm entstanden: Richard Vorhammer hatte sich als Erntehelfer in der Schweiz angedient und Kontakte mit dem Schweizerischen Akademischen Sportverband (SASV) aufgenommen. Dort hatte er sich wichtige Anregungen für den Aufbau der AdH geholt. Übrigens: Die Gründung von nationalen Verbänden hatten die Alliierten noch nicht zugelassen, daher konnte der AdH-Vorstand den Verband erst im Jahre 1950 in Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband (adh) umbenennen.

1950 wird Richard Vorhammer vom adh-Vorstand als erster hauptamtlicher Geschäftsführer des Verbandes eingesetzt. Nachdem er bereits ein Jahr später von Willi Daume zum Geschäftsführer des ebenfalls gerade neu gegründeten Deutschen Sportbundes (DSB) bestellt wurde, wechselte er im adh wieder auf die ehrenamtliche Seite in den Vorstand und wurde dessen Präsident.

In diesen Anfangszeiten gab Richard Vorhammer dem adh ein unverwechselbares Profil: Neben den bereits erwähnten Aspekten einer eindeutig studentischen Verantwortung in der Verbandsführung und dem Aufbau von Verbandsstrukturen, die bis heute gültig sind, legte Richard Vorhammer vor allem auch wichtige Grundsteine für die internationale Arbeit des adh.

1949 erreichte ihn durch einen Irrtum der Post die Einladung zur 1. Hochschulsportsportwoche des Internationalen Hochschulsportverbandes (FISU) in Meran. Sofort bestätigte Richard Vorhammer formell die Einladung und meldete ein deutsches Team an, wohl wissend, dass mit der Anschrift Monaco nicht der italienische Namen für München, sondern der Name des Fürstentums Monaco gemeint war, denen die Einladung eigentlich galt. Die FISU konnte und wollte als Veranstalter den Fehler nicht korrigieren und so kam es, dass der adh als erster nationaler Sportverband noch vor der Gründung der BRD im September und der DDR im Oktober 1949 im Sommer 1949 an einer großen, internationalen Sportveranstaltung teilnahm. 107 Studierenden und Betreuer/innen bildeten das Team und die Geschichten darüber, unter welchen Bedingungen sie nach Meran reisten, wie sie sich das erforderliche Startgeld beschafften und transportierten, was sie dort erlebten und wie sie sich als Deutsche in der internationalen Sportfamilie fühlten, füllen sicher ein dickes Buch.

Es zeichnet Richard Vorhammer aus, dass er es nicht bei der Teilnahme beließ. Vielmehr brachte er die Erlebnisse und Erfahrungen mit zurück nach Deutschland, überzeugt seine Mitstreiter und die politischen Instanzen der noch jungen Republik und holte unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss bereits 1953 die 3. Hochschulsportwoche der FISU nach Dortmund. Diese Veranstaltung war für die BRD ein Meilenstein im Aufbau der internationalen Sportbeziehungen nach dem 2. Weltkrieg.

1954 wechselte Richard Vorhammer ins bayerische Kultusministerium zurück nach München.

Unvergessen bleibt sein Engagement im Zusammenhang mit den Olympischen Sommerspielen 1972 in München. Schon damals hatte er im Blick, was man heute als nachhaltiges olympisches Erbe bezeichnet. Und er hatte es nicht nur im Blick: Seine Idee war es, nacholympisch Teile des Olympiaparks für seinen Hochschulsport zu nutzen. In diesem Sinne hat er sich in die Planungen eingebracht, für seine Ideen geworben und die Umsetzungsarbeiten begleitet. Ab 1972 hat er als Verwaltungschef des Sportzentrums der TU München die Geschicke des Münchner Hochschulsports – und in nicht unwesentlichen Anteilen auch des bayerischen Hochschulsports – selbst in die Hand genommen.

Vom adh entfernt er sich in diesen Zeiten. Die neue Generation von Studierenden, die den adh damals nachhaltig prägte, war nicht sein Fall. Die damit verbundene Politisierung des adh lehnte er ab. Im Ergebnis zog sich die TU München und mit ihr alle bayerischen Hochschulen aus dem adh zurück. Erst 1990 war diese Spaltung überwunden, so dass der adh als einzige bundesdeutsche Organisation in diesem geschichtsträchtigen Jahr die Wiedervereinigung mit 6 „neuen“ Ländern feiern konnte.

Für mich bleibt eine Begebenheit mit Richard Vorhammer in unvergesslicher Erinnerung. Während der Vorbereitungen der Jubiläumsfeier zum 50jährigen Bestehen des adh 1998 in München hatte ich als damalige adh-Generalsekretärin wieder Kontakt zu ihm aufgenommen. Gemeinsam mit meinem Hochschulsport-Kollegen Manfred Utz von der TU München gelang es, Frieden zu schließen zwischen dem Verband und seinem Ehrenpräsidenten. Richard Vorhammer hat sich in der Folge engagiert in die Vorbereitungen des adh-Jubiläums eingebracht und ein Jahr später, ebenfalls in München, ein Wiedersehenstreffen der Mannschaft organisiert, die 1949 zur FISU-Hochschulsportwoche (heute: Universiade) nach Meran gefahren war. Übrigens: Auch hier war das Wirken von Richard Vorhammer nachhaltig. Bis heute trifft sich diese Mannschaft regelmäßig, und der adh hat zwischenzeitlich die Idee aufgegriffen und lädt regelmäßig zu Universiade-Nachtreffen ein.

In einem der vielen damaligen Gespräche habe ich ihn nach seinen Beweggründen gefragt, warum er in dieser schwierigen Nachkriegszeit, in der viele noch ums bloße Überleben kämpften, all seine Kraft in den Aufbau des Sports investierte – eine einzigartige Leistung, wenn man sich die für uns heute unvorstellbaren Rahmenbedingungen vergegenwärtigt. Richard Vorhammer, diesem gestandenen bayerischen Mannsbild, schossen die Tränen in die Augen und er sagte: „Wir wollten ein demokratisches Deutschland aufbauen.“ Die Erinnerung an das, was Richard Vorhammer dazu beigetragen hat, möge dem adh und allen anderen Vorbild und Ansporn zugleich sein.

 

Dr. Karin Fehres mit Unterstützung von Prof. Dr. Walther Tröger, der Richard Vorhammer im Amt als adh-Geschäftsführer nachfolgte und ihm über die vielen Jahre der Zusammenarbeit in den unterschiedlichen Aufgabenfeldern des Sports hinweg stets freundschaftlich verbunden war.