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Kategorie: TopNews, 2012

50jähriges sportpolitisches Jubiläum am 10./11. Februar 2012

10.02.2012

Die Universitäten Kiel und Greifswald feiern ein vermeintlich kleines Ereignis das vor 50 Jahren den Ost-West-Sportverkehr revolutionierte.

Zum 50. Mal jährt sich ein vermeintlich kleines Ereignis: Eine Volleyball-Mannschaft der Universität Kiel nahm zu diesem Zeitpunkt in Greifswald (DDR) an einem Volleyball-Turnier teil. Diese sportliche Begegnung mit Studierenden der Paten-Universität Greifswald löste bei den Verantwortlichen in Sport und Politik intensive Diskussionen um den Ost-West-Sportverkehr aus.

Hochschulsport stößt im sportpolitischen Wechselbad an seine Grenzen

Nach 1945 war an vielen Hochschulen der Wille ungebrochen, den Kommilitonen der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ, später DDR) auf sportlicher Ebene zu begegnen. Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband (ADH) stieß dabei nicht nur an eigene Grenzen, sondern auch an die Grenzen der Dachverbände, in denen er sich bewegte. Er war einerseits im Deutschen Sportbund (DSB) verankert, andererseits als Sportamt im Verband Deutscher Studentenschaften (VDS). Während der adh aufgrund von politischem Druck des VDS im Jahr 1951 seine Sportkontakte mit der DDR abbrechen musste, befürwortete der DSB – mit kurzer Unterbrechung 1952 – den gesamtdeutschen Sportverkehr.

Doch im ADH nahmen die Stimmen zu, die eine Wiederaufnahme der sportlichen Begegnungen forderten, bis der VDS 1957 die Kontaktaufnahme dauerhaft freigab. Auch der ADH-Vorstand befürwortete den Austausch, wie aus dem Tätigkeitsbericht des ADH-Präsidenten Günter Willmann aus dem Jahr 1960 hervorgeht, wenn er fordert: „Lasst die sportlichen Verbindungen zu den deutschen Hochschulen jenseits des Vorhangs nicht abreißen.“ Die Zahl der sportlichen Begegnungen wuchs stetig an. Bis zum Mauerbau 1961 führten ADH-Mitgliedshochschulen aus dem gesamten Bundesgebiet dreizehn Begegnungen in der BRD durch und nahmen an acht Wettkämpfen in der DDR teil. Doch mit den „Düsseldorfer Beschlüssen“, mit denen der DSB und das NOK am 16. August 1961 auf den Mauerbau (13. August 1961) reagierten, fand das Anliegen erneut ein Ende: Die 27. adh-Vollversammlung schloss sich am 18. Oktober 1961 aus Solidarität und auf nachhaltigem Druck des DSB den Beschlüssen an, die den Sportkontakt zwischen BRD und DDR bis 1965 abbrechen sollten.

Volleyballturnier durchbricht die Mauer - und zieht Sperre gegen die Universität Kiel nach sich
Doch es hielten sich nicht alle adh-Mitgliedshochschulen an die Vorgabe ihres Dachverbandes. So lehnte der damalige AStA-Sportreferent der Christian-Albrechts-Universität Kiel, der Philologie-Student Hans-Erdmann Holm, den Vollversammlungs-Beschluss ab und initiierte eine bundesweit beachtete Protesthandlung. In enger Abstimmung mit dem Rektor der Universität Kiel und dem Studentenparlament ermöglichte er der Volleyball-Mannschaft der Universität Kiel die Teilnahme an einem Turnier am 10. und 11. Februar 1962 an der Patenuniversität Greifswald (DDR). Die Vorgabe des Studentenparlaments für die Turnierteilnahme war, dass ausschließlich die sportlichen und persönlichen Begegnungen im Zentrum stehen sollten. „Jede noch so geringe Politisierung hätte zur sofortigen Abreise der Kieler Mannschaft geführt“, so Hans-Erdmann Holm.

„Man darf sich mit einer Abkapselung nicht zufrieden geben“, rechtfertigte Holm bei der 28. adh-Vollversammlung im April 1962 in Berlin diesen Schritt. „Es ist offensichtlich, dass die westdeutsche Wirtschaft Waren, die auch für den Mauerbau verwendet werden können, nach drüben schickt, um die handelspolitischen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Dagegen werden sportliche Kontakte untersagt. Von Wiedervereinigung wird geredet – man muss auch etwas tun. Gerade die Studenten sind berufen, über den Sport die Mauer zu durchbrechen und die Gegenseite für die eigenen Ansichten zu gewinnen. Wenn der DSB-Beschluss so hingenommen wird, wird eine weitere Schranke errichtet“, so Holm. Um offiziell den Weg nach Greifswald antreten zu können, hatte Hans-Erdmann Holm den ADH-Vorstand im Vorfeld um die Genehmigung der Wettkampfbegegnung gebeten, die jedoch nicht erteilt worden war. Stattdessen verhängte der ADH-Vorstand am 12. Februar 1962 gegen die Universität Kiel eine Sperre für die Teilnahme an ADH-Wettkampfveranstaltungen im Wintersemester.

Diskussionen um Ost-West-Sportverkehr und Forderung nach Aufhebung der Düsseldorfer Beschlüsse
Die Beteiligung der Universität Kiel am Greifswalder Volleyballturnier wurden in der West- und Ost-Presse kontrovers diskutiert – unter anderem in den Kieler Nachrichten, der Ostsee-Zeitung, der Zeit, der Welt und der Bild – und schlugen in der Politik, in der Verbandswelt und natürlich im ADH selbst hohe Wellen: Die Anträge der ADH-Mitgliedshochschulen an die 28. adh-Vollversammlung deckten dabei ein breites Spektrum ab. Sie reichten von der Forderung nach einer Verlängerung der Sperre gegen die Universität Kiel (ADH-Vorstand) bis hin zum Antrag, den DSB zu ersuchen, die Düsseldorfer Beschlüsse aufzuheben (Technischen Hochschule Braunschweig). Nach einer Aussprache zu den Anträgen zog der ADH-Vorstand seinen Antrag zurück, der Antrag der Technischen Hochschule Braunschweig wurde von der ADH-Mitgliedschaft abgelehnt. Diese Vollversammlungs-Beschlüsse von 1962 bedeuteten jedoch nicht das Ende der Diskussion um den Ost-West-Sportverkehr und die Rolle des Hochschulsports in diesem Prozess. Die Debatte im ADH mündete in die Forderung der 34. Vollversammlung am 7./8. April 1965 nach Aufhebung der Düsseldorfer Beschlüsse.

Der DSB signalisierte sein Einlenken und hob die Düsseldorfer Beschlüsse am 30. Oktober 1965 als Reaktion auf die 63. IOC-Session in Madrid auf. Die Begründung lautete: „Das Internationale Olympische Komitee hat in Madrid den Status West- und Ost-Berlins eindeutig bestätigt. Durch diese Klarstellung sieht sich der Deutsche Sportbund in der Lage, seine Aufgabe der menschlichen Begegnung im geteilten Deutschland wieder voll zu erfüllen. Die Turn- und Sportvereine im DSB nehmen den Sportverkehr mit den Gemeinschaften des Deutschen Turn- und Sportbundes wieder auf.“

Kontakt für Rückfragen
Hans-Erdmann Holm
Tel.: +49 (4792) 4749
E-Mail: hans-erdmann.holm(at)worpswerde.de

Zusätzliche Informationen erhalten Sie auch in einer Auswahl an Presseausschnitten zu diesem Thema.

Ansprechpartner

Julia Beranek

Tel.: 06071-208613

Fax: 06071-207578

beranek(at)adh.de

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